Diktaturwahnsinn und mehr Bodenfreiheit: 8’444KM – 9’837KM

Tschüss und bis zum Nächsten mal Iran: 8’444KM – 9’027KM

Als uns die ersten Sonnenstrahlen in Gesicht blinzelten, wachten wir in dem halb zusammengestürzten Bunker auf. Da wir kein Zelt aufgebaut hatten und das Frühstück aus Nektarinen und Pfirsichen bestand, waren wir heute etwas schneller als sonst. Die Route war geplant, es geht in den Golestan Nationalpark, wo wir den vorletzten (von nun an der Letzte) Tag im Iran genießen wollten, bevor es weiter Richtung Turkmenische Grenze geht. Doch die Rechnung wurde ohne Wirt gemacht. Kurz vor Mittag, als wir wieder mal W-LAN erschnorrten (Grotten schlecht aber doch), erfuhren wir von unserer Kontaktperson, dass wir die Iranisch-Turkmenische Grenze besser am Donnerstag statt wie geplant am Freitag passieren sollten, da am Freitag im Iran Wochenende ist. Kurzer Hand planten wir um und hielten voll auf die Grenze zu. Nach gut 500 km wollten wir uns in der Stadt Quchan noch ein letztes Persiches Abendessen holen, doch da es wider nur Iranische Dönerbuden und Speisekarten auf „Kannichnichtlesen“ gab, machten wir uns auf die Suche nach einer Zwiebel um später selbst zu kochen. Um nicht völlig umsonst den Iranischen Stadtverkehr (Alles blinkt, hupt und keine Regeln) genossen zu haben, machten wir uns auf die Suche nach anständigen W-LAN. In einem Computerfachgeschäft wurden wir fündig. Von dort aus wurde der vorherige Blog online gestellt und unsere Mamis kontaktiert, vor es mit Turkmenistan (mittlerweile auf der Weltrangliste die Diktatur Nr.1) ins komplette Internetzensur-Exil geht.
Somit liegen wir erneut wenige Kilometer vor einer Iranischen Grenze (laut Hörensagen die schlimmste Grenze auf unserer Rally) und hoffen morgen zeitig eine neue Flagge auf unser Auto kleben zu dürfen.

Welcome to Las Ashgabat: 9’027KM – 9’095KM

Klirrende 10 °C als der Wecker läutet. Eigentlich freuten wir uns alle Heute nach 8 Tagen im Iran endlich die lange Hose weg zu lassen, aber unter diesen Umständen waren wir doch froh sie griffbereit zu haben. Zum Frühstück hatten wir die letzten Obstreserven von unseren Freunden aus dem Iran und heißen Kaffee, obwohl der Stift bei manchen von uns schon schrieb… (nach 10-minütiger Diskussion musste das in den Blog). 

Bis zur Iranisch-Turkmenischen Grenze waren es noch gut 2 Kilometer. Auf der Iranischen Seite lief zunächst alles glatt. Passkontrolle, Auto mehrmals umparken, die Fahrgestellnummer vorführen und einem schwindligen Kontaktmann in die Managementabteilung der Passanger-Hall folgen. Aus irgendeinem Grund mussten wir 20 US-Dollar zahlen, da wir sonst nicht raus durften. Als sich die Stahlgittertore auf Iranischer Seite öffneten, grinste uns der Turkmenische Diktator bereits entgegen. Der erste Soldat hielt uns auf. Wir mussten Pässe und Einladungsschreiben vorlegen. Auf die Frage, in welchem Hotel wir nächtigen, mussten wir passen, da Bookings, Airbnb, so wie alle Netzwerke und Apps, die einem Europäer geläufig sind, hier nicht funktionieren. Uns standen 2 Hotels für Touristen zur Verfügung. Unsre Wahl fiel auf das Grand Turkmen Hotel mit 5 Sternen. Später erfuhren wir von einem Einheimischen, dass wir dieses Hotel, welches wir nur als Vorwand um den Prozess zu beschleunigen angaben, tatsächlich buchen mussten, da die Regierung kontrollieren wird, ob wir tatsächlich dort waren. Nun hieß es Umparken. Dabei wurde jede Lenkradbewegung von einem Soldaten genauestens beobachtet. In einer kalten Halle mussten wir erneut Pässe sowie Einladungsschreiben vorlegen und erstmal Platz nehmen. Nach 20 Minuten wurden wir aufgerufen und bekamen einen Zettel, wo wir außer einem Betrag in US-Dollar nichts lesen konnten. „Go to bank and pay“. Wir warteten vor einer kleinen Öffnung in einer Tür mit der Aufschrift „BANK“ bis nach weiteren 20 Minuten eine Dame die Tür öffnete. Ein deutsches Rally Team, betrat vor uns die Bank. Nach 5 Minuten kamen alle wieder raus, der Block war alle. Die Tür verschloss sich, weitere 10 Minuten vergingen. Als wir endlich dran waren, breitete die nette Turkmenische Dame am ganzen Tisch verteilt Rechnungen aus. Gabriel durfte als Driver ganze 8 Stück davon unterzeichnen und einen weiteren Batzen Dollar liegen lassen (wir wissen bis heute nicht wofür). Der Prozess ging weiter mit dem Aufnehmen von Fingerabdrücken beider Hände, sowie dem Aufnehmen von Fotos und einem Augen-Scan (wohl leicht paranoid dieses Land). Ab hier trennten sich die Wege wieder. Patrick und Simon durchlebten das übliche Grenzprozedere, während Gabriel eine neue Art von Grenzübertritt erleben durfte.
Zunächst musste er mit allen Dokumenten in einen dunklen Raum, in dem die zufahrende Route vom Grenzbeamten festgelegt wurde. Danach musste die Räumlichkeit gewechselt werden. Egal wo man hintrat, hinter jedem Türblatt hängt ein Bild von diesem seltsamen Präsidenten, der übrigens Soldat, Musiker, extrem Sportler und voll durchtrainierter Selbstverteidigungskünstler ist. (Zumindest gibt er sich in den zahlreichen Videos von ihm so). Gabriel bekam Papiere für die Auto-Einfuhr und Versicherung in Regenbogenfarben ausgehändigt. Diese waren wieder in der Bank zu bezahlen. Nächster Raum, nächste Aufgabe. Er musste als einziger im Raum 15 Minuten für einen Stempel auf einem leeren Fresszettel warten. Diese Leistung war natürlich mit 2 US-Dollar zu entlohnen. Weiter ging es eine Türe weiter, wo Customs-Paperwork betrieben wurde. Auch dieses Vorhaben nahm einiges an Zeit in Anspruch, da die Schwarzweißkopie von Pass und Fahrzeugpapieren durch einen Beamten alleine nicht möglich war. Zu zweit meisterten diese nach rund 15 Minuten Wartezeit die Aufgabe mit Bravur. Diesmal verlangten sie keine Dollar, sondern die lang gehüteten Bestechungszigaretten kamen zum Einsatz. Mit haufenweise bunten Zetteln ausgerüstet, durfte Gabriel zur Auto Kontrolle hinsichtlich Drogen, Waffen und unerlaubten Medikamenten, fortschreiten. Zuerst jedoch die siebte Passkontrolle an jenem Tag. Alles geschafft, trafen wir uns am Zollhof dieser Grenze, die jährlich von nur wenigen tausend Touristen überquert wird.

Kurz nach der Grenze wollten wir einen Fahrerwechsel durchführen. Nach nicht einmal einer Minute Stehzeit, kamen zwei Soldaten mit dem Auto und schrien uns: “Mister!, go go go, no stop bevor Ashgabat!“,zu. Sie mussten uns auf einer der tausenden Überwachungskameras, welche sogar auf den Steinen links und rechts der Straße montiert sind, gesehen haben. Auf dem halben Weg in die Hauptstadt standen wir erneut vor einem geschlossenen Zaun. Pässe und Fahrzeugpapiere wurden kontrolliert. Rund 30 Minuten später erreichten wir die Turkmenische Hauptstadt Ashgabat und trauten unseren Augen nicht. Marmor so weit das Auge reicht und Straßen so glatt, wie die eines Formel 1-Rings. Die Ampeln aus Edelstahl und verziert mit Gold, Bushaltestellen die glänzen wie Christbaumkugeln. Man möchte glauben man sei in Las Vegas, nur eines passt nicht dazu: Keine Menschenseele ist zu sehen. Die Straßen alle samt mit Richtungsfahrbahn und vierspurig, obwohl es aufgrund des Verkehrs eine einfache Bundesstraße auch tun würde. Alle der palastartigen Wohnblöcke sehen verlassen aus. Dennoch strahlen sie wie all die hunderten Monumente die man zu Gesicht bekommt.

Nach einer Stunde Sightseeing mit unserem Auto hatten wir genug gesehen. Wir verkrochen uns in unserem fünf Sterne Hotel und genossen die letzten Sonnenstunden am Pool mit einem kalten Bier, das es hier wieder zu kaufen gab. Das war für uns, auch wenn es so nicht geplant war, wie der erste Tag Urlaub, seitdem wir gestartet sind.

Das Tor zur Hölle: 9’095KM – 9’394KM

Nach gerader einmal einer Nacht wollten wir dem Wahnsinn in Ashgabat auch schon wieder entfliehen. Am Programm stand heute das Tor zur Hölle, der Gaskrater von Derweze. Am Weg dahin machten wir einen Zwischenstopp bei einem der vielen Weltrekorde von Turkmenistan. Auch wenn es komplett sinnlos ist, steht dort das größte Indoor Riesenrad der Welt. Eigentlich ein gewöhnliches Riesenrad, nur wie der Rest der Stadt eingehüllt in weißem Marmor. Am Weg zum Krater trafen wir ein anderes Rallyteam (ein Italiener und ein Argentinier). Nach einer kurzen Unterhaltung an der Tankstelle beschlossen wir mit Andrea und Julio gemeinsame Sache zu machen. Im Convoy ging es 270 Kilometer in den Norden Turkmenistans. Wenige Kilometer vor der Ankunft am eigentlichen Ziel entdeckten wir ein paar Meter von der Straße entfernt einen imposanten „Wasserkrater“. Wir kehrten um, um uns dieses Naturphänomen anzusehen und ein paar Fotos zu machen. Anschließend fuhren wir die letzten Kilometer auf Sandpisten zum Krater. Am Krater angekommen warteten bereits fünf weitere Rallyteams auf den Sonnenuntergang. Als die Sonne am Horizont verschwand, starteten alle Teams ihre Motoren und fuhren zum Feuerloch hinab. Das wahnsinnig beeindruckende Gaskrater brennt bereits seit rund 45 Jahren, als bei der Suche nach Erdgasvorkommen bei der Bohrung etwas schief gelaufen ist. Eine Übernachtung am Gaskrater gehört bei der Mongolrally seit Jahrzehnten dazu und lies deshalb auch uns nicht spurlos daran vorbeifahren. Bei Einbruch der Dunkelheit platzierten wir unsere Campingstühle auf einer Anhöhe mit Blick auf den Krater, stießen mit anderen Teams (aus Südkorea und Italien) bei einem kühlen Bier an und tauschten unsere Erfahrungen aus.

Auf der Suche nach dem Asphalt zwischen den Löchern: 9’394KM – 9’683KM

Heute schliefen wir etwas länger, da die Koreaner gestern Nacht noch eine halbe Flasche Vodka in ihrem Auto fanden. Dennoch durfte ein Kaffee vor der Abfahrt nicht fehlen. Am Weg zurück auf die Hauptstraße blieben wir fast im tiefen Sand auf den Schotterpisten hängen. Durch den starken Wind über Nacht hatten sich Sanddünen verlegt, weshalb die Strecke wesentlich schwieriger zum Passieren war. Das Tagesziel war das Zurückfinden in ein Land ohne ständige Überwachung und Zensur, die Usbekische Grenze. Der Weg dorthin gestaltete sich wesentlich schwieriger als erwartet. Zu Mittag waren wir bereits drei mal mit unserem Unterbodenschutz aufgesessen. Dieser rettete uns auf der Rally wohl schon mehrfach den A… Auf halber Strecke kehrten wir mitten in der Wüste bei einem Turkmenischen Lokal zu. Dort wurden wir von einem 11 Jahre jungen Bub mit perfektem Englisch bedient. Zum Glück gab es eine Speisekarte mit Bildern, wodurch wir seit längerem wieder ungefähr wussten was wir bestellten (Zumindest wie es aussehen soll). Nach dem Essen wurden die Straßen von Stunde zu Stunde schlechter, bis wir auf den letzten 50 Kilometern nur mehr mit Schritttempo vorankamen. Die letzte Tankgelegenheit nutzten wir, um alle Kanister sowie den Tank vom Auto randvoll zu füllen um in Usbekistan nicht tanken zu müssen. Der Benzin dort soll so Verunreinigt sein, dass sich bereits mehrere Rallyteams in den vergangen Jahren das Auto zerstörten. 15 Kilometer vor der Grenze kam uns ein bekanntes Rallyteam entgegen und teilte uns mit, dass die Grenze bis morgen um 08:30 geschlossen sei. Daraufhin parkten wir unser Auto inmitten von Reisfeldern, welche uns an unseren letztjährigen Urlaub in Vietnam erinnern. Hier liegen wir nun (wie immer) vor der nächsten Grenze und warten gespannt auf den morgigen Tag.

Vom Lowrider zum Geländewagen: 9’683KM – 9’837KM

Vom Lowrider zu Geländewagen: 9’683KM – 9’837KM

Vor dem Zelt redet irgendjemand Russisch. Das war unser Wecker für den heutigen Morgen. Aufgrund der morgendlichen Trägheit von Simon und Patrick war es Gabriel, der diesem „geschnattere“ auf den Grund ging. Da standen sie nun, ein Turkmenischer Bauer und seine 3 Gänse, welche sich in einem Sack über seinen Schultern befanden. Nur deren lange Hälse ragten zwischen den Griffen der Einkaufstasche heraus. Mit einem verwirrten Blick versuchte Gabriel zu verstehen, was uns der Bauer wohl sagen wollte. Als wir endlich verstanden, dass es sich um sein Feld handelte, in dem wir unser Lager aufgeschlagen hatte, dachten wir wiedereinmal, dass er uns verjagen möchte. Aufmerksame Blogleser wissen schon was jetzt kommt. Wie es in diesen Ländern üblich ist, beschenkt man seine Gäste und schon wurde uns eine 3kg schwere Zuckermelone in die Hand gedrückt. Kurz darauf erklärte uns der Bauer, dass er mit seinen Gänsen jetzt auf den Bazar müsse und so verschwand er auch wieder hinter der Hecke. Wir fingen an unser Zelt abzubauen und keine 5 Minuten später kam der nächste Turkmene. Wieder behauptete er es seie sein Feld auf dem wir hier liegen. Es war der Sohn des Besitzers. Wir zeigten ihm unsere Route auf der Motorhaube und machten ein Polaroidfoto mit ihm. Er hatte so eine Freude mit den Bild, dass er gleich noch 3 Melonen für uns besorgte. Als auch dieser Herr sich wieder auf den Weg machte, traf er gleich eine paar andere aus seinem Dorf und zeigte ihnen voller Stolz sein Foto mit uns. 

So fuhren wir nun mit unseren 4 Melonen in Richtung der Turkmenisch-Usbekischen Grenze. Dort erwartete uns auf Turkmenischer Seite der übliche Bürokratiewahnsinn. Zettel ausfüllen, fünfmalige Passkontrolle, Fingerabdrücke nehmen, Augenscan und Fotos machen. Wir waren schon an das Prozedere gewohnt. Ein mürrisch gelaunter Offiziere fragte uns mehrfach, wo wir den staatlichen GPS-Tracker, den wir an der Grenze bekommen haben sollen verstecken. Er wurde laut und alle anderen schauten schon zu uns, als zu unserem Glück ein junger Soldat, welcher sehr gut Englisch sprach zu uns kam. Nach einer kurzen Diskussion glaubte man uns doch noch, dass wir nie einen bekommen hatten. Nach einer genauen Auto Durchsuchung durften wir weiter auf die Usbekische Seite. Diese war Bürokratisch ein Klacks. Die Autodurchsuchung hingegen war peinlichst genau. Grund dafür ist das absolute Einfuhrverbot von Drohnen. Gut, dass wir anscheinend keine dabei hatten *hust hust*. Damit durfte sich jedoch Gabriel beschäftigen, während die Passagiere Patrick und Simon versuchten, bei den Einheimischen hinter der Grenze einen guten Wechselkurs zu bekommen. Endlich wieder vereint, waren wir auf der Suche nach einem Spezialisten für Federn und Stoßdämpfer, von dem uns andere Teams erzählten. Wir waren auf den immer schlechter werdenden Straßen so oft mit unserem Unterboden aufgesessen, dass wir beschlossen, nochmal höher werden zu müssen. Über das einlesen von GPS-Daten in eine offline Karte, konnten wir das kleine Haus des Mechanikers finden. In dieser Region war das höher legen von überladenen Autos aufgrund der tiefen Schlaglöcher üblich und so konnte er uns tatsächlich helfen. In den hinteren Federn installierte er eine Art Luftfederung und entfernte den Anschlag für die Federn der ohnehin schon zermahlen war. Vorne tauschte er unsere Federn für stärkere aus und so wurden wir auch dort etwas höher. Wir hatten nun vorne 2 und hinten ganze 8 cm mehr Bodenfreiheit. Das Auto war damit höher, als es vor der Beladung mit all unserem Krempel war. Zurück auf den Straßen konnten wir es zunächst kaum glauben. Wir verstanden plötzlich, wie es den Einheimischen möglich war, auf diesen furchtbaren Straßen so schnell zu fahren. Auf dem ehemaligen Schleudersitz (hintere Sitzreihe) saß man nun fast schon wie in einem Reisebus (einer Vietnamesischen ein Sterne Variante, also immer noch ziemlich unkomfortabel). 

Wir machten uns zu später Stunde noch auf den Weg Richtung Samarkand und schlugen in mitten einer Schotterwüste unser Lager für diese Nacht auf. Dort lagen wir noch einige stunden auf dem Boden, während wir die klare Sicht auf die Milchstraße und Sternschnuppen bewunderten, vor wir uns schlafen legten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s