„Warm“herzigkeit im Iran: 5’993KM – 7’132KM

Armenien hinterlässt seine Spuren: 5’993KM – 6’276km

Der letzte Tag in Armenien begann wie jeder andere. Vom LKW Geröll geweckt, hatten wir rund 280 Kilometer auf den Waschbrettstraßen Armeniens vor uns. Dabei legt man sich gerade auf der Rückbank (Schleudersitzreihe) besonders gerne den Sicherheitsgurt an, da man sonst schnell mal den Sitz unter dem Hintern verliert. An das überliege Knirschen der Stoßdämpfer und Rattern des Dachträgers hatten wir uns bereits gewohnt, doch heute war etwas anders. Als wir nach gut 90 gefahrenen Kilometern den ersten Halt an der „Zorats Karer“ Ausgrabung (das Armenische Stonehenge, welches 3500 Jahre älter als das Original in England ist) machten, bemerkten wir, dass der Dachträger circa 10 cm nach Hinten gewandert ist. Das war wohl dem ständigen Auf und Ab beim Durchfahren der Schlaglöcher auf den Armenischen Straßen zuzuschreiben. Da wir heute Abends sowieso geplant hatten, einige Reparaturen am Auto vorzunehmen, verschoben wir das Neupositionieren des Dachträgers auf später. Auch das stellte sich im Nachhinein als Fehler heraus. Keine 20 Kilometer später hörten wir bereits ein lautes „Knacksen“, welches sich anders als gewohnt anhörte. Wir fuhren zum Straßenrand und stiegen aus … abgesehen davon, dass der Dachträger noch einige Zentimeter nach Hinten wanderte, sahen wir da noch ein weiteres Problem. Die rechte Reling, auf welcher der Dachträger befestigt ist, war gebrochen. Nun war es an der Zeit den sogenannten „Krisenmodus“ hochzufahren. 

Nach einer kurzen Teambesprechung fingen wir an, den Dachträger abzuladen um die Reling zu entlasten. Wir müssen am Dach leichter werden, koste es was es wolle. Der Komfort im Innenraum leidet besonders darunter, da es in der sogenannten „Lounge“, die oben beschriebene Schleudersitzreihe, eingepfercht zwischen unseren drei Rucksäcken, einer Kühlbox, drei Campingstühlen, einen Klapptisch sowie der Wasservorrat für zwei Tage und etliches Gerümpel ohnehin schon eng war. Da musste jetzt noch der Werkzeugkoffer, unser Zelt sowie alle Essenvorräte aus der Dachbox untergebracht werden. Nach kurzem Check unseres Lagers waren wir uns einig, viel Material zum Reparieren haben wir nicht. Daraufhin rollten wir mit circa 5 km/h einige hunderte Meter den Berg hinab, bis wir am Straßenrand zwei Bretter fanden. Diese sammelten wir sofort auf und begaben uns ein paar hundert Meter weiter auf einen Parkplatz, um die Arbeiten fortzusetzen. Mit einem gelernten Zimmermann (Gabriel) und zwei Hobbymaurern (Simon und Patrick) musste nun eine Lösung gefunden werden. Vier Stück Kabelbinder, Zwei Bretter und das halbe Plastik-Schneidebrett von Ikea war die Basis für die für uns perfekte Lösung. Am Straßenrand geschnitten, gefeilt, gebogen und geflucht, designten wir unsere „Russische“ Verstärkungsmaßnahme. Alles was die Armenischen Einheimischen dazu zu sagen hatten, war es, ob denn unser Werkzeugkoffer zum Verkauf steht (Auf alle Fälle sehr Humorvoll). Nach circa einer halben Stunde Arbeit war es geschafft, der Dachträger hält besser als je zuvor (siehe Bild unten). 

Mit unserem neuesten Upgrade konnten wir uns wieder Richtung Iranische Grenze fortbewegen. Gottseidank waren die Straßen am letzten Abschnitt um einiges besser, für Österreichische Verhältnisse also „dringendst Sanierungsbedürftig“. 

Hier liegen wir nun, Luftlinie circa 50 Meter vom Grenzzaun entfernt, wo wir bei unserem vorerst letztem Abendmahl mit Schweinefleisch (es gab Wurstnudeln und ein halbes Bier für jeden), bereits den Muezzin von der anderen Talseite zum Gebet rufen hören konnten. Bei windigen Verhältnissen behält uns ein Kartonsoldat auf einem Wachturm im Auge, bevor wir morgen die letzten Meter zur Iranischen Grenze rollen werden.

„Welcome to Iran“: 6’276KM – 6’589KM

0530, der Wecker klingelt. Die erste etwas anspruchsvollere Grenze steht an. Das Visa hatten wir bereits in Wien organisiert und in der Tasche, nur das Carnet de Passage (Einreisedokument für das Auto) stand noch aus. Die einzige Information die wir hatten war, dass um 09:00 Uhr Iranischer Zeit jemand auf der Iranischen Seite der Grenze auf uns warten soll. In Armenien waren wir bereits vor Öffnung der Grenze vor Ort. Bis ein Iranischer LKW-Fahrer den Grenzbeamten aus dem Schlaf rüttelte, war also erstmal Stillstand. Wie seit dem Verlassen der Europäischen Union bereits üblich, trennten sich hier die Wege zwischen „Driver“ Gabriel und „Passenger“ Patrick und Simon. Nachdem Gabriel das fünfte mal (dreimal dem selben Grenzbeamten) seinen Pass zeigte und das Auto mit all seinen Öffnungen präsentierte, standen bereits mehrere LKWs und unser kleiner Voyage vor dem verschlossenen Grenzzaun. Patrick und Simon hatten das Prozedere bereits seit einer halben Stunde hinter sich und endlich wurden sich die Grenzbeamten einig wer denn heute die Ehre hat um das Tor zu öffnen. Nun stand die wesentlich interessantere Seite, der Iran, an. Auf einem riesen Frachthof kamen wir uns mit unserem kleinen Gefährt fast etwas verloren vor. Als nächstes Stand die normale Passkontrolle am Programm. Die Iranische Regierung ist hier so freundlich und ersetzt den Pass während der Zeit im Iran durch ein Stück Papier, um keine nachweisliche Einreise in den Iran im Pass stehen zu haben. Dadurch soll verhindert werden, dass man beispielsweise bei der späteren Einreise in die U.S.A. Probleme bekommt. Stempel am Papier, soweit so gut. Glücklicherweise war als wir wieder beim Auto ankamen bereits unser „Agent“ vor Ort. Er half uns, auch wenn er selbst kein Wort Englisch verstand durch die restlichen Kontrollen und Durchsuchungen, bis wir erneut auf einem riesigen Parkplatz zu liegen kamen. Dort war dann erstmal Stillstand für die nächsten viereinhalb Stunden. Nach gut einer Stunde waren wir bereits 4 Rallyteams, die auf ihre Persischen Papiere warteten. Kaffe wurde gekocht, Geld gewechselt und Autos geputzt. Als dann endgültig nichts mehr zu tun war, brutzelten wir in der Sonne und tauschten uns über bisherige Erlebnisse aus. Nach sechseinhalb Stunden im Niemandsland war es dann endlich soweit, unsere Papiere waren Fertig. Endlich durften wir ins ehemalige Persische Königreich einfahren. Beim Durchfahren der wunderschönen Landschaft und dem erklimmen von über 2500 m.ü.M. blieb uns erstmal die Luft weg. 

Wer den Iran aus westlichen Medienberichten kennt, muss an dieser Stelle alle Vorurteile über Bord werfen. Man wird schon fast überrumpelt vor Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Wo man hin sieht wird gehupt, die Fenster werden herunter gelassen und „Welcome to Iran“ gerufen. Jeder will wissen woher man kommt und alle Kinder winken einem zu, bis ihnen die Arme einschlafen. Wir fühlten uns selten in einem fremden Land so Willkommen wie hier. Als wir das erste mal um ca. 2,50€ voll tankten (1 Liter kostet ungefähr 0,09€), waren wir endgültig Fans dieses Landes.
Zum Schlafen suchten wir uns auf einer Anhöhe einen Platz am Rande eines Feldes mit wunderschönem Ausblick über die umliegende Landschaft aus. Dort schliefen wir dann mit angenehmen 27°C ein.

Armenisches Deja-vu: 6’589KM – 7’132KM

Als wir an diesem Morgen erwachten, erfuhren wir zum ersten mal was es bedeutet in karger Wüstenlandschaft zu schlafen. Bei knapp 30°C ins Bett zu gehen und bei klirrenden 10°C aufzuwachen wird uns ab jetzt wohl für einige Zeit begleiten. Zum ersten mal mussten wir schon früh am Morgen die Rucksäcke umkrempeln um uns mit unseren heiß geliebten Suzuki-Pullovern und Wollmützen auszustatten. Wieder auf Achse, kehrten wir nach wenigen Kilometern bei einer Raststätte zu, um uns bei einem Tee aufzuwärmen. Als wir gerade wieder weiter gefahren, war es plötzlich wieder so heiß in der Fahrerkabine, dass wir erneut stehen bleiben mussten, um unsere Pullis wieder auszuziehen. 

Am Tagesprogramm stand nun die Weiterfahrt in die Hauptstadt Teheran. Leider Funkte uns dabei unser Dachträger dazwischen. Ein altbekanntes Knacksen weckte sogar die VIP Gäste auf den hinteren Reihen auf. Wir fuhren rechts ran und mussten eigentlich garnicht aussteigen, um zu wissen, was los war. Diesmal war es links vorne, statt wie beim letzten mal rechts hinten. Der „worst case“ trat ein, da damit auch das letzte Stück Stabilität flöten ging. Erneut im Krisenmodus angelangt, beschlossen wir erst mal Ruhe zu bewahren und etwas essen zu gehen. Dort lernten wir unseren neuen Lieblings Irani „Erfaan“ kennen. Er sah uns da sitzen und bemerkte, dass wir in der Speisekarte nicht einmal Buchstaben und Zahlen auseinander halten konnten. Nach der Frage, ob wir Hilfe benötigen übersetzte er uns die Speisekarte und übernahm das Bestellen für uns. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und weil er uns schon nicht seine Heimatstadt zeigen konnte, sah er es als seine Pflicht uns bei unserem Dachträger-Problem zu helfen. Witziger weise artete das ganze schlussendlich doch in einer Art Sightseeing aus, da wir gefühlt 25 Läden in der Stadt besuchten um ein Ersatzteil zu finden. Nachdem wir noch einen Versuch im Schlosserviertel der Stadt tätigten wurden wir auf einen Tee eingeladen und uns wurde der Gebetsraum eines einheimischen Schlossers gezeigt (eine wahre Ehre für Fremde). Nach einem Abschlussfoto und Geschenke von den Iranern (diese nicht anzunehmen gilt als Beleidigung) verabschiedeten wir uns von unserem neuen Freund und Fuhren mit maximal 80 km/h und nervösem Augenliedzucken bei jeder Bodenwelle nach Teheran. Dort werden wir den nächsten Tag mit Sightseeing verbringen und versuchen eine Lösung für unser Problem zu finden.

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